Verzeihen: Verantwortung für das eigene Leben

Es gibt da eine schöne Geschichte zu diesem Thema in der es heißt, Verletzungen schreibt der Protagonist in den Sand, damit der Wind sie weg weht, schöne Ereignisse meißelt er in Stein, damit sie überdauern. Aber so einfach ist es leider nicht. Es reicht nicht sie irgendwo aufzuschreiben um negative Erfahrungen schnell zu überwinden und positive anderswo, damit sie verweilen. Wäre es so einfach, würde es uns wahrscheinlich allen besser gehen. Unsere Emotionen entscheiden wie stark etwas im Gehirn abgespeichert wird.

Bei jedem Ereignis gibt es zwei Ebenen:
- die objektive Ebene (sachliche Tatsachen)
- die subjektive Ebene (Gefühle, Erwartungen, Glaubensmuster...)

Wenn z.B. ein Mensch, mit dem ich mich verabredet habe, zu spät kommt, könnte ich auf unterschiedliche Weise damit umgehen:
- Ich werde nervös, ich gucke immer wieder auf die Uhr. Ich male mir aus warum diese Person zu spät kommt, in Form von Sorgen oder Ärger: weil er/sie mich damit ärgern will, ich ihr/ihm nicht wichtig genug bin, er/sie mich nicht respektiert, etc.
- Oder ich habe die Zeit sinnvoll genutzt, in dem ich etwas mir angenehmes getan habe bis derjenige kam. Habe vielleicht ein Buch gelesen, mir die Leute angesehen oder einen Kaffee getrunken (dies ist typisch in südlichen Ländern, in denen zu-spät-kommen "normal" ist). Im Zeitalter der Informationstechnologie, kann ich natürlich auch versuchen den Menschen zu erreichen und raus finden ob und wann er/sie nun kommen wird.

Danach kann ich auch auf unterschiedliche Weise reagieren:
- Ich bin verletzt, werde also wütend oder traurig, fange an zu brüllen, Vorwürfe zu machen oder appeliere auf ihre/seine Verantwortung und versuche Schuldgefühle zu erzeugen.
- Ich bin unruhig oder leicht irritiert oder einfach nur neugierig und frage nach, was passiert ist. Evtl. ziehe ich auch Konsequenzen: ich bin Nachsichtig (bisher ist so etwas eher selten geschehen / es waren ja nur ein paar Minuten) oder informiere den Menschen über meine Unruhe oder angemessenen Ärger wenn sich z.B. die Situation wiederholt hat...


Ein Verhalten ist "gesund" so lange es funktional bleibt. (Vergleich: wiederholtes Händewaschen ist für einen Chirurgen notwendiger Teil seiner Arbeit, für einen Gärtner oder Maurer eher nicht).

Ja, aber... geht das so einfach? Nein. Jeder reagiert etwas anders auf einen Situation und viele Faktoren beeinflussen ob mein Gefühl eher Unruhe oder doch Angst bzw. Wut ist. Wie oft wurde ich schon von diesem Menschen enttäuscht? Kenne ich ähnliche Situationen mit anderen Menschen in meinem Leben? Gehe ich davon aus, dass so etwas passiert? Wie wichtig ist mir dieser Mensch?
Aber diese Fragen, die alle viel mehr mit meiner persönlichen Vergangenheit zu tun haben, statt sich an den konkreten Tatsachen zu orientieren, vermiesen uns immer wieder Augenblicke, Tage, unser Leben...
Wir verallgemeinern viel zu sehr, suchen die Schuld auf der einen oder anderen Seite und fühlen uns in Wahrheit ohnmächtig, weil wir die Situation nicht unter Kontrolle haben und die Ereignisse nicht unseren Erwartungen (eher unseren Befürchtungen) entsprechen.

Was kann ich tun, wenn ich bemerke, dass ich übermäßig reagiert habe? D.h. meine Gefühle entsprachen in dieser konkreten Situation nicht dem Kontext.
Das Problem liegt in der Regel in der Ohnmacht die wir als Kind in einer ähnlichen Situation empfunden haben und mittels kindlichem Größenwahn überdeckt haben. Diese vergangene Ohnmacht fühlte sich so bedrohlich an, dass wir mittels Schuldgefühlen und Schuldzuweisungen (oft auch Projektion) versucht haben sie abzuwehren und konnten damit (nachträglich) eine fantasierte Kontrolle empfinden, die wir nicht hatten. Als Erwachsene verunsichert uns nun eine bestimmte Begebenheit in dem Maße in dem sie uns an unseren Kontrollverlust erinnert. Dabei kontrollieren wir tatsächlich recht wenig, sind jederzeit allen möglichen Zufällen ausgesetzt und können nicht sicher sein, dass uns im nächsten Augenblick irgend etwas unvorhergesehenes das Leben nimmt. Die unumgängliche Gewissheit dass wir sterben werden, macht das Leben erst richtig lebenswert. Um das festzustellen, muss man sich nur mal mit Menschen unterhalten, die dem Tod schon mal ins Auge geblickt haben.
Waren meine Eltern als Kind für mich in irgend einer Form nicht da, dann übernahm ich die Verantwortung, wurde "unabhängig" und "selbstständig". So lange ich glaube, dass es so ist, kann ich zumindest die vergangenen Verletzungen verdrängen. Aber neue Verletzungen rütteln an meinem Glaubensmuster und deshalb verunsichern sie mich mehr als nötig wäre, schließlich habe ich als erwachsener Mensch sehr viel mehr Handlungsmöglichkeiten, die ich aber nicht wahrnehmen kann so lange ich in meinem Kontrollwahn (ein anderes Verhalten ist ja gar nicht nötig!) gefangen bleibe.

So lange wir ganz klar die Schuld zuweisen können, bleiben wir Opfer oder Täter und wiederholen unsere Rolle (in der wir uns sicher fühlen: Kontrolle) immer und immer wieder.

Was könnte nun funktionieren? Für mich funktioniert folgendes:
  1. Die Verletzung ernst- und wahrnehmen. Die Wut, die Angst, die Unruhe, die Verwirtheit, den Frust, die Trauer, den Schmerz... Wenn möglich sollte der Andere erst einmal davon verschont bleiben. Wer es braucht und sich traut, kann schreien und weinen oder auch in einen Kissen schlagen oder ähnliches. Dies ist besonders die ersten Male sinnvoll, wenn man gelernt hat, dass man(n) nicht weinen oder (frau) nicht wütend sein darf.
  2. Die Ohnmacht ernst- und wahrnehmen, und akzeptieren, dass es so geschehen ist: ich konnte nicht anders, der Andere konnte nicht anders, ich konnte nichts an der Situation ändern... (Wichtig: Vergangenheitsformen verwenden!)
  3. Selbsterkenntnis: ich versuche alle Glaubenssätze die hier mit reinwirken zu finden und zu überdenken. Sehr hilfreich ist auch in der Fantasie die Rollen zu tauschen. Verhalten ich mich Anderen gegenüber vielleicht auch manchmal so? Verhalten ich mich selbst mir gegenüber so? Oder beeinflusse ich unbewusst andere, damit sie mich so behandeln? Wollte dieser Mensch mich wirklich mit Vorsatz verletzen? Und wenn ja, bin ich konsequent oder lasse ich es mir immer wieder gefallen? Meistens tun wir Anderen Unrecht und beschuldigen sie Dinge deren Absicht wenn überhaupt (!) im Unbewussten lag. Rollenspiele tun hier gut. Wenn ich auch einmal die andere Seite spiele, kann ich vielleicht die realen Absichten, Probleme oder Ängste des Anderen nachvollziehen und meine Bewertungen überdenken.
  4. Umdeutung: gibt es Gründe weshalb dieses Ereignis vielleicht umgedeutet werden könnte und zum positiven gewandelt? Was für positive "Nebenwirkungen" hat das Ganze gehabt? Was lerne ich daraus? Wie sehr würde mich das verletzen, wenn ich wüsste, dass ich nur noch 1 Woche zu leben hätte? Viele unserer Probleme würden dann zu kleinen Lapalien schrumpfen...

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