Mitleid vs. Mitgefühl

Neulich habe ich mich länger mit einigen Bekannten über dieses Thema unterhalten und da ich es für sehr wichtig und nicht ganz einfach erachte, möchte ich etwas dazu schreiben.

Manche glauben, dass Mitleid und Mitgefühl sinonyme wären. Dem ist nicht so. Andere wissen, dass es da einen Unterschied gibt, aber ihn zu definieren oder gar begreifen fällt oft schwer. Wie diese Begriffe im Duden definiert sind, weiß ich nicht, aber ich weiß wie ich sie für mich verstanden habe und dies möchte ich hiermit weiter geben.

Unserer Fähigkeit empathisch zu sein, verdanken wir die Empfindung von Mitgefühl: damit können wir uns vorstellen wie sich jemand in einer bestimmten Situation fühlen mag. Beim Mitleid jedoch, projizieren wir unsere Vorstellung, d.h. wie wir glauben dass wir uns in der Situation fühlen würden auf jemand anderes, der aber evtl. ganz anders empfindet als wir selbst.
Jemand der mitfühlt, sieht den Anderen. Jemand der mitleidet sieht sich selbst im Anderen. Deshalb führt Mitleid auch immer mal wieder zu koabhängigkeit oder zu Machtmissbrauch, aber auch zu Aggressionen. Es geht dabei nicht darum dem Anderen behilflich zu sein, sondern darum den eigenen Schmerz zu lindern. Das kann jeder in unterschiedlicher Weise tun. Es gibt Leute, die sich verletzt fühlen und z.B. wütend werden, wenn sie erfahren, dass jemand verletzt wurde.
Aus der eigenen Ohnmacht heraus schimpfte der damalige Freund meiner Mutter mit mir und wollte mir zu verstehen geben, dass "man" aus "solchen" Gründen (worum es genau ging, weiß ich nicht mehr) nicht weinen sollte. Später habe ich verstanden, dass er sich mit mir identifiziert hat, dass er genau so gerne geheult hätte, er es sich aber verboten hatte, also durfte ich es auch nicht. Auf meine Gefühle ist er damals aber nicht eingegangen.

Es ist auch typisch, dass Kinder, ältere Menschen oder Behinderte sich wehement gegen angebliche Hilfe wehren, weil sie diese Hilfe als Eingriff in ihre Autonomie wahrnehmen. Hilfe die aus Mitleid entsteht nimmt dem Anderen oft die Möglichkeit selbst zur Lösung zu kommen. Selbstwirksamkeit ist ein sehr wichtiger Aspekt bei jeder Art von Therapie, d.h. das Gefühl zu bekommen, dass man selbst die Macht hat etwas zu tun oder zu verändern. Aber aus Mitleid kommt dann jemand und nimmt uns das ab was wir lernen wollen, was wir zwar vielleicht noch nicht können, aber können wollen. Manchmal entstehen da auch komplizierte Machtkämpfe. Das Kinder, Behinderte oder alte Menschen vielleicht wirklich noch nicht oder nicht mehr in der Lage sind etwas zu bewältigen, stimmt ganz sicher, aber gerade Menschen die immer wieder solche Eingriffe erlitten haben, tun sich schwer damit sie weiter zu dulden. Da ist es, meiner Meinung nach, sehr viel wirksamer dem Menschen etwas Zeit zu lassen und Hilfe anzubieten. Es ist auch wirksamer auf den Anderen einzugehen, sich vorzustellen wie Ohnmächtig sich dieser Mensch fühlt, wie frustriert und evtl. auch zu sagen, dass man selbst es nachvollziehen kann, vielleicht, weil man ähnliche Erfahrungen kennt oder aber (besonders bei Behinderten) auch zugeben, dass man solche Erfahrungen zwar nicht gemacht hat, aber trotzdem solche Gefühle kennt. Dazu muss ich aber erst meine eigene Ohnmacht und Frustration kennen gelernt haben, d.h. sie gelebt zu haben, statt unterdrückt, und sie akzeptiert zu haben.
Mitgefühl erlaubt mir eine Lösung zu finden die den Anderen einbezieht. Mitgefühl bedeutet manchmal auch das Leid des Andere auszuhalten (z.B. bei einem Alkoholiker würde Mitleid zur Koabhängigkeit führen, Mitgefühl aber zur Konfrontation). Mitgefühl bedeutet, dass ich auch mal gar nichts tue und abwarte was jemand von mir will.

Mitleid wirkt sich manchmal auch gar nicht auf die Ursache aus. Jemand leidet tatsächlich weil er oder sie z.B. im Fernsehen schreckliche Bilder über Krieg oder Hunger gesehen hat. Aber dieses Leid bleibt bei dem sich ohnmächtig fühlenden Leidenden. Der in seiner Resignation und seinem Leid auf diese fernen Bilder fixiert ist, und gleichzeitig aber im eigenen Umkreis blind ist und in der Regel auch inaktiv bleibt.

Trotzdem bringt Mitleid viele Menschen auch dazu wunderbare Dinge für Andere zu tun. Vielleicht ist es nicht immer so klar zu trennen und die Grenzen sind eher schwammig. Viele Menschen in sozialen Berufen helfen andere um ihre eigenen Bedürfnisse und Wunden zu verdrängen. Sie tun viel und helfen vielen Menschen. Trotzdem finde ich es wichtig bei mir selbst zu schauen. Versuchen festzustellen ob ich wirklich einfühlsam bin oder ob es doch mein eigenes Thema ist was ich beim anderen sehe. Machtmissbrauch kann auch subtil sein. Überheblichkeit kann auch gut verkleidet in Form von Hilfe auftreten. Was fühle ich wirklich? Helfe ich tatsächlich? Was veranlasst mich so zu handeln? Versuche ich vielleicht doch seine/ihre Gedanken zu lesen oder berücksichtige ich die Wünsche und Bedürfnisse des Anderen wirklich?

Es ist oft auch schwer anderen Menschen ihre eigenen Fehler machen zu lassen. Aber es gehört zum Leben dazu. Besonders Eltern würden ihren Kindern alle Schwierigkeiten im Leben abnehmen. Aber wenn jeder mal ehrlich überlegt, findet sie/er bestimmt eine Situation in der es wichtig war die eigenen Fehler zu machen und eine weitere Situation in der Hilfe (oder auch Sorge) nicht als solche empfunden wurde, sondern genervt hat oder sogar richtig wütend gemacht hat.

Mitgefühl, auch mit uns selbst, erlaubt es uns besser zu unterscheiden wann wir helfen müssen, wann wir helfen wollen und wann wir helfen können. Hierzu passt das Gelassenheitsgebet von Reinhold Niebuhr gut:


Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

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