Der kleine Jonas

Vor einigen Wochen kam meine beste Freundin mit ihrem Sohn zu besuch. Er war sieben Monate alt. Als sie ankam, legte sie als erstes das Kind auf unser Sofa und verschwand auf der Toilette, nachdem sie mich gefragt hatte, ob ich kurz auf ihn aufpassen könne.

Meine erste Reaktion war Angst. Es war nur ganz kurz, dann beruhigte ich mich selbst mit dem Gedanken "sie ist gleich nebenan", und die Neugierde auf diesen neuen Menschen war viel größer als meine Angst, etwas falsch zu machen. Also hockte ich mich vor das Sofa und lächelte den Kleinen an. Ich legte meine Hand auf seinen Bauch und redete mit ihm. Seine Reaktion beruhigte mich weiter, denn er war genau so neugierig wie ich, sah sich das Zimmer an und mich und war erst einmal sehr ruhig. Doch sobald sich sein Gesichtsausdruck änderte, oder seine Bewegungen kurz hektisch schienen, wurde ich nervös. Ich stellte mir schon vor, er finge gleich an zu weinen. Ich bemühte mich, es gar nicht erst so weit kommen zu lassen und lenkte mich und ihn mit Berührungen und Worten ab. Er weinte nicht, die Mutter kam lächelnd wieder zurück, und ich war erleichtert und erlöst.

Warum ist das eigentlich so schwierig? Warum hatte ich so große Angst, er könne anfangen zu weinen? Ich glaube, das Wohlbefinden Anderer ist mir sehr wichtig. Ich fühle mich schnell verantwortlich. Ich möchte, dass sich die Menschen in meiner Umgebung wohl fühlen. Und gleichzeitig habe ich immer wieder Angst, es nicht zu schaffen, sie zu enttäuschen, gar keinen Einfluss auf sie zu haben, mich ohnmächtig zu fühlen. Manchmal ist dieser Drang, es den Anderen recht zu machen, so groß, dass es mich total überfordert, und ich untätig und blockiert einfach nur abwarte, was passiert. Oder aber ich ziehe mich zurück, schaue auf den Boden und mein Magen zieht sich zusammen. Manchmal habe ich keine Lust, andere Menschen zu treffen, weil schon der Gedanke an diese Überforderung mir Angst macht. Wie erleichternd es ist, mal gar nicht über das "was denken die Anderen" zu grübeln, besonders wenn man sich zuvor angestrengt hat zu gefallen, den Schwiegereltern oder Freunden des neuen Partners, zum Beispiel, kennt wahrscheinlich jeder.

Und wie ist es mit einem so kleinen Kind? Er kann gerade mal seinen Kopf heben, strampeln und schreien. Gut, atmen, essen, schlafen und so weiter natürlich auch noch. Aber er hat sehr wenig Möglichkeiten mir zu sagen was er will. Wie soll ich mich orientieren? Wie weiß ich, was er braucht? Was soll ich tun? Wie schaffe ich es, dass er wieder aufhört zu weinen, wenn ich gar nicht weiß, was ihm fehlt?

Wenn es schon schwer ist, Erwartungen und Ansprüche eines Einzelnen zu genügen, um wie viel anstrengender ist es erst, Gruppen gerecht zu werden!? Jahrelang litt ich darunter, mich nicht zugehörig zu fühlen, anders zu sein, nicht akzeptiert von der Gruppe. Erst vor Kurzem wurde mir bewusst, dass ich es deswegen unbewusst vorzog, lieber nicht zu Gruppen zu gehören, dass es mir lieber war, alleine zu sein, weil ich nur alleine ich selbst sein konnte. Konflikte kann man oft nur vermeiden, indem man die Menschen selbst auch meidet.

Früher hätte ich das Kind nicht berührt, ich hätte es nicht angesprochen, ich hätte es einfach nur gemieden. Manche Erwachsene haben ähnliche Gefühle in mir ausgelöst und ähnliche Reaktionen: eine so große Unsicherheit, dass ich den Kontakt verkümmern lassen oder bald abgebrochen habe.

Das Wochenende gab mir viele Gelegenheiten, dem Kind näher zu kommen. Es hat Spaß gemacht, und ich wurde mit jedem Mal entspannter. Meistens war die Mutter auch so nah, dass es mir die Sicherheit gab, gelassen mit dem Kind zu spielen. Den einen Abend kochte sie mit meinem Freund, während ich mich als Babysitterin übte, bis meine Arme müde wurden.

Und dann kam die "Feuerprobe": Als meine Freundin ihre Taschen zum Auto brachte, stellte sie fest, dass ein Reifen platt war. Also ging mein Freund mit, um ihr zu helfen, das Auto wieder fahrtauglich zu machen, damit sie am nächsten Tag in die Werkstatt fahren konnte. Abends hat Jonas ganz allgemein keine so gute Laune, hatte mir meine Freundin erzählt. Und so war es auch. Ich schaffte es immer wieder, ihn und mich abzulenken, aber irgendwann fing er doch an zu weinen, und nichts half mehr. Er hatte sich schon mehrfach die Augen gerieben und hielt seine Faust immer wieder an seinen Mund. Er war müde und wollte seine Mama. Ich wurde nervös, und er unruhiger.

Irgendwann fing ich an, ihm zu erzählen, wie es mir gerade ging. Ich sagte ihm, dass ich verstehe, dass er müde ist und ihm seine Mutter fehlt. Dass ich leider kein Ersatz für seine Mutter sein kann. Dass ich mich ohnmächtig fühle, weil ich nicht weiß, was ich tun kann, um ihn zu beruhigen. Dabei lief ich in der Wohnung auf und ab und hielt ihn sanft an meinem Körper. Ich schaukelte ihn und redete weiter. Ich beruhigte mich selbst durch das Reden. Ich atmete ein paar Mal tief ein und akzeptierte, dass ich tat, was ich konnte, und dass ich nicht mehr tun konnte, als da zu sein. Ich sagte es ihm. Ich sagte, dass ich gerne für ihn da bin und mir wünsche, dass er sich sicher genug fühlt, um in meinen Armen einzuschlafen.

Ich bekam dabei feuchte Augen und fühlte mich diesem weinenden Kind sehr verbunden. Ich wollte nur, dass es ihm gut geht, nichts weiter. Und er wurde ruhiger. Plötzlich war er tatsächlich eingeschlafen, und ich weinte leise vor Dankbarkeit, vor Liebe, vor Verbundenheit. Es war so erleichternd und so schön zu wissen, dass er sich bei mir wohl fühlte. Er wachte ein paar Mal auf, als ich aufhörte ihn zu wiegen, aber dann blieb sein kleiner Kopf doch entspannt auf meiner Schulter liegen. Ich setzte mich auf einen der Liegestühle und wiegte mich mit dem Kind auf meiner Brust. Es war ein großartiges Gefühl, dieses entspannt schlafende Baby auf meiner Brust liegen zu haben. Ich beobachtete ihn, hörte auf seinen Atem, betrachtete seine kleinen Hände. Dieses kleine Leben, ein Mensch, ein Wunder in meinen Armen. Es ist ein schönes Gefühl für jemanden da sein zu können, sich akzeptiert zu fühlen, gebraucht, geliebt. Und nur, weil man da ist, weil man ehrlich ist und in Kontakt geht, weil man einen warmen Körper hat und Ruhe und Wärme austrahlt. So empfand ich es. Es ist so einfach, doch wir machen es uns mit unseren Ängsten schwer. Ich fühlte mich wohl, die Welt stimmte in dem Moment so wie sie war. Ich war gut und ok, so wie ich war. Und er auch. Und dann war ich einfach nur noch glücklich und auch stolz auf mich, weil ich an diesem Abend mutig gewesen bin, mich geöffnet und so viel gelernt hatte.

Ich habe mit meinem Freund darüber geredet. Ich suche oft seine Umarmung, wenn ich mich unsicher fühle, und er fühlt sich wohl, weil er inzwischen weiß, dass ich mich bald wieder beruhige, und er nichts weiter machen muss als mich zu halten. Am Anfang fühlte er sich überfordert, dachte er müßte etwas tun oder sagen oder... Aber es reicht, einfach da zu sein.

Als ich das erste Mal klettern war, kam ich nach einigen wenigen Metern wieder runter und hätte vor Angst fast angefangen zu weinen. Ich habe Höhenangst, wollte es aber trotzdem probieren. Ich hyperventilierte ein wenig. Er umarmte mich so lange, wie ich es brauchte, beruhigte mich und munterte mich auf. Die richtigen Worte zu finden ist da manchmal gar nicht so einfach, besonders wenn der Tröstende unbewusst den Schmerz des Anderen abwehren will, weil es auch bei ihm Schmerz auslöst. Anteilnahme reicht. Verständnis. Nähe. Die Worte sind oft gar nicht nötig.

Wenn ich eines Tages selbst Kinder habe, stelle ich mir vor, dass mein Mann mich umarmt, während ich versuche mich und mein Kind zu beruhigen. Es wird ganz sicher viele Situationen geben, in denen sich Unsicherheit zeigen wird, und ich mich nicht so gut alleine beruhigen kann wie mit Jonas.

Danke Jonas, für Dein Vertrauen, für Deine ehrlichen Gefühle, für Deine Nähe, für diese Lektion.

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