Geschichte: Ich will nicht in die Schule

# Ich will nicht in die Schule

Meine Hand tut weh. Vorgestern hat mich eine Wespe gestochen, glaube ich. Wenn es bis morgen nicht besser ist, gehe ich zum Arzt. Außerdem huste ich noch viel und meine Nase ist wund vom vielen Putzen. Der Unterschied zu letzter Woche ist nur, dass ich keine erhöhte Temperatur mehr habe. Ich hätte mich noch einmal krankschreiben lassen können, aber ich habe entschieden, dass ich jetzt gesund genug bin und gesund werde. Ich bin heiser.

Gestern Abend hast Du Dich über die Schule beklagt. Über Lia und über Milan. Heute Morgen wolltest Du nicht in die blöde Schule. Kann ich verstehen, Schule fand ich auch nicht immer nur toll, oft war es für mich eine Qual. Besonders mit bestimmten Lehrern, die ich nicht mochte oder mich nicht mochten. Es gab keine Wahl, Schule ist Pflicht. Manchmal wenn es sehr schlimm war, hat mich meine Mutter Zuhause bleiben lassen. Ich finde das gut, manchmal geht einfach nichts mehr. Aber heute geht auch bei mir nichts. Ich war jetzt viereinhalb Wochen krankgeschrieben, heute ist mein erster Arbeitstag. Ich bin außerdem Emotional auch nicht auf der Höhe.

Um viertel vor sieben warst Du wach. Du hast Dich nicht angezogen. Um fünf vor sieben klingelt der erste "Frühstückwecker", dann weißt Du, dass Du nicht mehr viel Zeit hast, zum Anziehen. Protest und Maulen. Ich habe heute nicht die Kraft Dich zu etwas zu bewegen. Verständnis und Empathie helfen nicht. Manchmal funktioniert das. Oft sogar. Ich bekomme Dich zum sprechen, wir sind in Kontakt und während Du redest klappt das Anziehen dann doch. Heute nicht. Ich bin heiser. Ich fühle mich schwach. Ich mag nicht mit Dir streiten. Ich bin genervt und gehe.

Um fünf nach sieben klingelt der zweite "Frühstückswecker". Jetzt aber schnell. Ich komme in Dein Zimmer und Du ziehst Dich langsam an. Papa bring Obst ans Bett. Du isst es auf, die Laune scheint besser zu werden. Wir haben noch etwas Zeit, wenn wir uns jetzt dran halten, kommst Du noch gut zur Schule. Du musst aufs Klo. "Beeil Dich!" sage ich, "Ich muss aber gro-oß!" kriege ich noch zu hören bevor Du ins Bad verschwindest. Es dauert wieder etwas länger. Ich bestreiche das Brot für die Schule. Johannes hatte es schon getoastet. Ich rufe Dich. Du kommst aus dem Bad und wickelst ein Band um einen Holzring. Ich komme zu Dir und berühre Deine Hand "Ainara, jetzt nicht, Du musst Dich beeilen" - "Ja-ha!" entgegnest Du und reißt Dich frei. Ich hole tief Luft. Das hilft manchmal. Bei mir ist es eine automatische Reaktion auf Ärger, so wie bei meiner Mutter damals. Holte sie deutlich tief Luft, dann war klar, dass sie sauer war. Das reichte meistens um uns einzuschüchtern und zu gehorchen. Bei Dir ist das nicht so. Keine Ahnung was mein Luftholen bei Dir auslöst. Jetzt wickelst Du das Band wieder ab. "Das kann doch nicht wahr sein! Zuerst wickelst Du auf und jetzt wickelst Du wieder ab! Willst Du nur Zeit tot schlagen, oder was?" Ich fasse es nicht.

Papa kommt und berührt meinen Arm. Er bedeutet mir mit einer Kopfbewegung zu gehen. Ich lasse ihn machen. Was machen eigentlich alleinerziehende Eltern, wenn sie keine Geduld mehr haben und am liebsten ihr Kind an die Wand klatschen würden? Wir haben uns. Irgendwie ist der Andere immer stark und ruhig wenn einer von uns keinen Nerv mehr hat. Du hast es gut, denke ich. Ich bin sauer auf Dich, weil Du es gut hast. Ich hatte es nicht so gut. Meinem Vater ist jeden Tag mehrfach der Geduldsfaden gerissen. Meiner Mutter nicht, oder vielleicht doch? Leise, ganz leise, ein Gesichtsausdruck oder eine Geste hat gereicht. Sie hat uns nie geschlagen. Es gab auch keine Strafen. Aber ich hatte trotzdem Angst vor ihr. Vor ihrer Enttäuschung, vor ihrer Kritik, vor ihrer Abneigung mir gegenüber. Ich hatte Angst sie würde mich verachten, wenn ich "böse" war und irgendwie fühlte ich mich tief im inneren böse. Ich bemühte mich es zu verbergen, ich strengte mich an, damit alle dachte ich wäre "lieb". Und am meisten hatte ich Angst vor ihrer Stille. Ignoriert zu werden, im Stich gelassen, nicht mehr geliebt.
Wir waren "gut erzogen", wir haben gehorcht. "Jawohl, mein General!" hatte damals ihr Freund grinsend gesagt. Er hatte es aus irgend einem Nazi-Film. Er war Spanier, er verstand kein Deutsch, nur ein paar Sätze und einzelne Wörter. Er sagte es aus Spaß, wenn meine Mutter wieder organisiert und delegiert hat. Wir standen nicht steif, zumindest nicht äußerlich. Sie war stolz auf sich und auf ihre vorzeige Kinder, die sie locker aber doch immer im Griff hatte. Wir waren stolz auf eine so tolle Mutter. Ich dachte früher es wäre wirklich ein Glück sie zu haben, weil sie viel besser war als alle anderen die ich kannte.

Ich bin auch stolz. Ich habe auch ein vorzeige Kind. Meistens. Heute Morgen nicht. Manchmal bist Du richtig anstrengend. Ich versuche mich zu beruhigen in dem ich mir die Möglichkeiten Dich zu einer späteren Unterrichtsstunde oder gar nicht mehr in die Schule zu schicken offen halte. Es ist einfach, weil wir im Homeoffice sind, weil mein Arbeitgeber normalerweise keine Pünktlichkeit erwartet, außer ich habe irgendwelche Besprechungen. Aber heute sind die Besprechungen alle erst später. Du liegst angezogen auf dem Treppenabsatz und weinst. Weitere Zeit die verloren geht. Überall geht Zeit verloren. Im Flur hattest Du noch eine uralte Postkarte gefunden, die Du jetzt unbedingt lesen musstest, aber jetzt hast Du Angst zu spät zu kommen, also liegst Du da auf dem Treppenabsatz in Deinen dicken Winterklamotten und weinst.

Ich habe mich beruhigt. Ich kann jetzt wieder mit Dir reden. Ich beuge mich zu Dir hin und muntere Dich auf. Manchmal geht das nach hinten los. Heute klappt es. "Komm! Aufstehen!". Ich ziehe Dich hoch. "Du kannst richtig schnell sein, auf Deinem Roller, das weiß ich. Du hast noch 20 Minuten und das schaffst Du!". Wir gehen gemeinsam runter. Du drückst Dich an mich, ganz kurz kuscheln muss noch sein. Ich hoffe wir fallen nicht zusammen die Treppen runter. Ich stelle Dir den Roller vor die Tür. "Los! Du schaffst das!" Du schaust in das Haus gegenüber. "Thomas ist noch nicht raus, wenn ich vor ihm weg bin, dann schaffe ich es sicher." Wow, denke ich und bedanke mich innerlich bei den Nachbarn. Du fährst und ich begleite Dich noch ein paar Meter ich feuere Dich an und rufe dann hinter Dir her "Tschüs, schönen Tag!"

Am Nachmittag fällt es mir wieder ein "Bist Du heute Morgen eigentlich noch rechtzeitig angekommen?" "Na klar" mehr braucht es nicht als Antwort, Du bist schließlich beschäftigt.


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